eine familie in deutschland

Eine Familie in Deutschland: Zeit zu hoffen, Zeit zu leben.

  • Autor: Peter Prange
  • Verlag: FISCHER Scherz
  • Auflage: 2 (24. Oktober 2018)
  • ISBN-10: 365102556X
  • ISBN-13: 9978-3651025561
  • Gebundene Ausgabe: 672 Seiten
  • Kategorie: Familiensaga
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Eine Familie in Deutschland. Zeit zu hoffen, Zeit zu leben

Von sozialromantischer Wolkenschieberei am Polit-Firmament
In seinem Retro-Roman skizziert Peter Prange die Sprenkelwirkung der NS-Politik auf die deutsch-bürgerliche Familie im Dritten Reich.

2018 erschienen, ist dies bestimmt kein Zufall, dass Prange – angelehnt an das Revolutionsjahr 1918 – sich de facto rückwirkend, der mit Gründung der Weimarer Republik einsetzenden Krisenspirale widmet. Stilecht und ziseliert arbeitet er sich an den einschlägigen Moralnormen ab, die sich für Dtl. aus dem hitlerischen Aufbruchsethos, vornehmlich seit Ende der 1920er Jahre ergaben.
Pranges Erzählstruktur vermittelt seinen Leser/innn ein Spaltungsdiagramm, das die autobiografischen Verflechtungen im Kontext einer teutonenhaften Altgier verortet. Hierbei agiert der Autor wenig reflexiv – genau dies wäre aber von hoher Bedeutung. Die mitteleuropäische Normalfamilie mutierte über Generationen hinweg zum qualitätsbetonten Verbitterungsmilieu. Hierfür exemplarisch ist nicht zuletzt das Aufkommen der kommunistischen Utopie.

Das Cover erzählt vom epochalen Muttermythos, der in jener Zeit das alt-deutsche Familienbild prägte. Alle sitzen am Tisch, nur die vitale und fürsorgliche Mittvierzigerin thront standhaft und stolz sogar noch über der Oma.
Die Geschichte handelt von einem Deutschland-Kapitel, in dem sich ein Großteil der Bevölkerung die pyramidalen Strukturen der Kaiserzeit zurück wünschte. Erinnern wir uns, dass auch Hitler seine Mutter abgöttisch verehrte.

Der Roman beleuchtet das Ideal einer klassenlosen und freien Gesellschaft, im Sinne der Nazis, nur allzu kausal aus dem Blickwinkel der herkömmlichen Hausfrauenehe. Das erklärt auch die regionale Eingrenzung Pranges auf Fallersleben. Fernab vom lauten Berliner Kampfgetöse, war das Zweitausend-Seelen-Städtchen im
Wolfsburger Land in den 1930er Jahren ein typisches Herkunfts-Paradies lebensfroher Kinder.

Die Herkunftsprosa ist ein Reflektor ihrer Zeit. Prägnant und stilecht entführt Prange seine Leser in jene Jahre, die mit schlichten Plausibilitätsmustern Zweifel im krisengeschüttelten Volk abschwächten. In ihrer grenzenlosen Altgier mussten die einstigen Kaisereliten erkennen, dass die hinter dem Zauber des Anfangs wirkende Gravitation, den gesellschaftlichen Kitt der Menschen in unvergleichlicher Weise zu erodieren begann.
Peter Prange gelingt es in knappen Abschnitten, die stets einen bestimmten Charakter in den Fokus rücken, die dohenden Sümpfe der NS-Ideologie überzeugend und lückenlos zu entschlüsseln. Von sozialromantischer Wolkenschieberei am Polit-Firmament getragen verliert sich die konkrete Alltagsklaviatur von Schein und Wirklichkeit in einer Sphäre, die der einheimische Mittelbau in den 1930 Jahren nicht im entferntesten erahnen konnte.

Familie Ising ist ein recht buntes Potpourri an Individuen: Hermann Ising, der Papa ist ein angesehener Zuckerfabrikant. Als Ortsgruppenleiter unterwirft er sich eher widerwillig der neuen Epoche. Mama Dorothee muss auf ihren geheimen Wunsch Pianistin zu werden verzichten. Sie heiratet nur um ihren Bruder Carl finanziell zu begünstigen. Die einstige Zweckehe zwischen Dorothee und Hermann erhält bald natürliche Facetten. Die älteste Tochter Edda widmet sich zunächst einem Französisch-Studium, beendet es jedoch bald, nachdem es zu privaten Spannungen kommt. Später wirkt sie erfolgreich in den filmischen Künsten. Georg Ising arbeitet als nüchtern pragmatischer Ingenieur. Er wünscht sich ein Auto, das erschwinglich ist. Die Rolle des Sonderlings fällt auf Horst. Seinem Vater will er stets beweisen, was er kann – verhängnisvollerweise arbeitet er sich jedoch an seinen Geschwistern ab. Stattdessen konzentriert er sich nun auf eine Karriere bei den Nationalsozialisten. Seine Frau Ilse brennt für die NSDAP. Charlotte (Charly) studiert Medizin und ist mit dem Juden Benjamin liiert.

Melanie Neuhauser

Hallo! Ich bin Melanie, bekennende Leseratte und schreibe für Euch diese Bücher Rezension. Kontakt per Twitter: http://twitter.com/Buchkiller