Buchkritik Wir sind doch nur Schwestern
  • Autor: Anne Gesthuysen
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • 12. Auflage (8. November 2012)
  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • ISBN-10: 3462044656
  • ISBN-13: 978-3462044652
  • Kategorie: Roman

Wir sind doch Schwestern: Anne Gesthuysen wagt die ganze Geschichte

Warum man sich trotz nachlassender Kräfte dagegen sträubt zu den nächsten Verwandten zu ziehen? Vielleicht, weil die Vergangenheit auch im biblischen Alter eines nicht tut: Friedlich ruhen. Verzeihen oder nicht – die Entscheidung kann in „Wir sind doch Schwestern“ nicht länger aufgeschoben werden.

Der 100. Geburtstag ist die unerhörte Begebenheit, um die dieser an einem Wochenende auf einem niederrheinischen Hofgut spielende Familienroman kreist. „Doppelgenullt“ wird Gertrud Franken, die älteste von drei Schwestern (im wirklichen Leben die Großtanten der Autorin). Nach ihrem Geburtstag soll Gertrud in der Obhut ihrer „kleinen“, 84-jährigen Schwester Katty auf dem Tellemannshof leben. Ein Anschlag auf Gertruds Willen und ihren schwachen Kreislauf, denn an diesem Ort ist die Liebe ihres Lebens gescheitert. Dafür macht sie den verstorbenen Gutsherren Heinrich verantwortlich. Dem konservativen Patriarchen gehört immer noch die Loyalität ihrer beherzten, etwas durchtriebenen Schwester Katty. Doch neben der jugendlichen Radikalität von Gertrud und Katty steht die sanfte Paula, die dritte Schwester im Bunde. Verheiratet mit einem spät bekennenden Homosexuellen ist sie diejenige, die fröhlich dazu anhält, entgegen dem eigenen Schmerz die ganze Geschichte zu bedenken.

Ungewöhnlich an dieser Darstellung des Liebesstreits ist die Wertung der Ereignisse durch komplett durchlebte Existenzen. Anders als bei Romeo und Julia – um ein Paradebeispiel herkunftsbezogener Liebeskonflikte zu nennen – wird der Tod lediglich als der Anfang des Dramas behandelt. Ob Anne Gesthuysen das Ende findet? Das Reifen entlang der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts ist ein weiteres Thema dieses Buches. Nach zwei Weltkriegen und dem Wiederaufbau schwindet die Bedeutung von sittlichen und ständischen Grenzen als Stolpersteine der Liebe mehr und mehr. Der Zwiespalt verlagert sich ins Innere der drei Heldinnen und so haben die Festlichkeiten auf dem Tellemannshof einiges an psychologischer Tiefe zu bieten.

Der in kurze Kapitel unterteilte Roman kann einen durchaus aus dem Winterschlaf locken. Denn die Autorin und Fernsehmoderatorin Anne Gesthuysen schreibt ihre Geschichten mit unverblümter Klarheit. Als Erinnerung durchsetzen sie die Gegenwart und sind wie selbstverständlich zwischen Bratkartoffeln und Schnaps an der Reihe. Das hohe Tempo, mit dem die Geschichten über Tod und Liebe wechseln, lässt die vorsichtigen Bewegungen der drei alten Schwestern umso lebendiger hervortreten. Große Dramen passen bei Gesthuysen in wenige Absätze und stehen ganz nonchalant neben Anekdoten aus der niederrheinischen Provinz. Man stürmt nur so durch die Seiten.

Heulen musste ich an zwei Stellen, doch niemals laut heraus lachen – dieser Witz kitzelt nicht, sondern streicht als heiterer Grundton über den Plot. Man selbst bleibt mit einem inneren Schmunzeln zurück. Leicht erzählt also, aber nicht schwerelos – zu tief wurzelt die Handlung im kriegsgeschüttelten, manchmal zynischen, aber von Katty mit mädchenhaftem Eifer organisierten Alltag.

Und die Moral von der Geschicht‘ für alle ohne Großfamilie: Es gibt doch etwas, das dicker ist als Blut – und das ist die ganze Geschichte. Diese hier verschlingt man wie eine Portion Bratkartoffeln (mit Zwiebeln, etwas Speck und eventuell einem Spiegelei). Ein Buch, das rundherum satt macht.

Melanie Neuhauser

Hallo! Ich bin Melanie, bekennende Leseratte und schreibe für Euch diese Bücher Rezension. Kontakt per Twitter: http://twitter.com/Buchkiller